Donnerstag, 29. Oktober 2009

40 000 Takte Blasmusik

Benefizkonzert:
Fast elfstündiger Genuss für 500 Blech-Fans in Obernau
Teil des Erlöses für »Sternstunden«

Aschaffenburg 40 000 Takte Musik: Dieses Mammutprogramm haben Blech-Fans am Sonntag in der Obernauer Mehrzweckhalle genossen. »Sterne der Blasmusik« stand über dem Konzert, in dem vier erstklassige Kapellen auf Einladung des Musikvereins Melomania in fast elf Stunden bewiesen, dass sie zu den Stars unter den Amateuren ihres Metiers zählen.

Freuen durften sich nicht nur die 500 Zuhörer im Saal. Freude auch bei der Aktion »Sternstunden« des Bayerischen Rundfunks«: An sie fließt ein Teil des Kartenerlöses.
»In böhmischer Musik scheint die Sonne«, urteilte einst der große Johannes Brahms. Tatsächlich: Eine milde Oktobersonne riss wie bestellt die Wolkendecke auf, als Kapellmeister Anton Müller den Musikanten von »Blech & Co« den Einsatz zum flotten Marsch vom Moldaustrand gab. Als sich dann ein Gesangsduo in fescher Tracht mit »Grüß Gott, es ist schön, bei euch zu sein« vorstellte, hatten die Musiker aus der Nähe von Augsburg das Publikum sofort auf ihrer Seite.
»Blech & Co« wurde voriges Jahr zum Deutschen Meister der »böhmisch-mährischen Blasmusik« gekürt. Diesen Spitzenplatz erreicht nur, wer ein so abgedroschenes Stück wie den »Alten Dessauer« so liebevoll ironisch, mit Soloeinlagen gewürzt, schmettert, als wäre er gerade frisch komponiert.
Wenn sich Menschen im Urlaub langweilen, kommen sie oft auf dumme Gedanken. Nicht so sieben Solisten des fränkischen Jugendblasorchesters Werneck. Auf einer Wanderung kam ihnen vor 15 Jahren die Idee, ein kleines, aber feines Bläserensemble zu gründen. Damit begann die von TV-Auftritten gekrönte Erfolgsgeschichte von »Wanderblech«. Mit traditioneller und klassischer Blasmusik, Jazz- und Dixieklängen begeistert die Truppe ihr Publikum. Obwohl nur ein Septett, erzeugten die Schweinfurter in Obernau die Klanggewalt eines vollbesetzen Blasorchesters.
Heimspiel am Untermain
Ein »Heimspiel« am Untermain hatten die Kinzbach-Musikanten, in deren Händen auch die musikalische und organisatorische Gesamtleitung des Mammut-Konzerts lag. Die Truppe mit Musikanten vom ganzen Untermain hat 2005 der damals erst 19-jährige Andy Schreck gegründet. Zwei Jahre später wählte man sie unter die fünf besten europäischen Amateur-Blasorchester.
Der immer noch sehr jugendliche Dirigent arbeitet wie ein alter Hase und entlockt seinen 20 Musikern für ein Amateurorchester unglaubliche Harmonien und Klangfarben. Ob Bläsersoli, wirbelndes Schlagwerk oder die Gesangseinlagen von Christine Büttner und Hans Hell, alle 25 (!) Stücke klangen wie aus einem Guss. Mit dem von Andy Schreck zu einem Spessartmarsch arrangierten Spessartlied des Elsenfelders Georg Keimel gab es sogar die Uraufführung einer neuen Hymne. In die Herzen der Zuhörer sang sich Christine Büttner mit Kaiserin Elisabeths Lied »Ich gehöre nur mir« aus dem Musical »Elisabeth«.
»Wilfried Rösch und seine böhmischen Freunde« waren das Schmankerl am Schluss des Konzerts. Die 26 Musiker aus Oberschwaben ließen Bläserklang und Hörnersang auf das Publikum niederprasseln. Dirigent Rösch hat mit weichen, stets schwungvollen Gesten sein Ensemble voll im Griff, ebenso den Saal: Ein kurzer Blick, eine kleine Handbewegung - und schon war Mitschunkeln, Mitklatschen oder Lichterschwenken angesagt.
Stürmisch vorwärtsdrängende Polkaklänge, romantische Hommagen an Ernst Mosch und solistische Glanzleistungen sorgten dafür, dass fast alle Stücke »da capo« gegeben werden mussten. Zum Schluss erklomm ein Alphornbläser einen Tisch, die ihn begleitenden Blechbläser taten ihm gleich, der Dirigent mit dem Rest stand auf der Bühne. Bei aller Gaudi ein musikalischer Glanzpunkt.
Viel versäumt
Die Blechfans im Saal kamen aus ganz Unterfranken und Südhessen. Auch Obernauer waren gut vertreten - nämlich die aus Obernau am Neckar vom dortigen Patenverein, der mit einer Abordnung angereist kam. Nur die Obernauer vom Main fanden kaum den Weg herauf in ihre Mehrzweckhalle. Sie ahnen nicht, was sie versäumt haben...
Ernst Bäppler, aus dem Main-Echo vom 27.10.2009